Dieses Interview mit Michel Le Roc’h, verantwortlicher Sekretär des Departments Loire-Atlantique des französischen Gewerkschaftsbundes Force Ouvrière (FO), wurde nach dem Kongress der FO Ende April in Dijon, an dem er teilgenommen hat, geführt. Es erschien in Informations ouvrières Nr. 909 am 13. Mai 2026. Wir geben hier nur die Diskussion zur Position der Gewerkschaft zum Krieg wieder.
»Welche Diskussionen gab es [auf dem Gewerkschaftskongress der FO] zur Frage des Krieges?
Die Frage des Krieges steht im Mittelpunkt der gesamten Arbeiterbewegung und damit vor allem der Gewerkschaften. (…) Sollte sich herausstellen, dass sich die Führungen der wichtigsten Gewerkschaftsbünde aus verschiedenen Gründen (…) mit bereits altbekannten Argumenten (der äußere Feind, man kann nicht anders handeln usw.) nicht zusammenschließen, um gemeinsam gegen den Krieg zu mobilisieren, würden sie zum Krieg beitragen. Und zum Krieg, das heißt zur Auslöschung von Hunderttausenden von Frauen und Männern auf Schlachtfeldern im Namen von Interessen, die nicht die ihren sind. (…)
Und Sie wissen, dass diese Frage des Krieges zu allen Zeiten eine entscheidende Frage für die Gewerkschaftsbewegung war, also erst recht heute, wo alle reaktionären politischen Kräfte von links bis rechts, alle, die nach Stabilität gieren, uns dorthin führen wollen.
Zunächst muss gesagt werden, dass die Frage des Krieges, die in den Nachrichten allgegenwärtig ist, in den Äußerungen des Gewerkschaftsbundes weitaus weniger präsent ist – und das ist noch milde ausgedrückt. Von Aktionen, die es gar nicht gibt, rede ich gar nicht erst.
Das ist übrigens nicht nur beim Gewerkschaftsverband FO so: Es ist auch bei der CGT und bei den anderen Gewerkschaftsverbänden der Fall, wo dieses Thema von den Gewerkschaftsführungen völlig ausgeklammert wird.
Es ist nun fast drei Jahre her, dass die von Trump, Macron, Merz, Starmer … unterstützten Massaker und Bombardements der israelischen Armee die palästinensische Bevölkerung treffen, der schlichtweg die Auslöschung droht, und dennoch hat der Gewerkschaftsverband nichts getan und nichts oder nur sehr wenig gesagt.
Es gab zwar einen Brief des Generalsekretärs an den Präsidenten der Republik, zwei oder drei Erklärungen des Gewerkschaftsbundes, in denen die Situation verurteilt wurde – und das noch dazu mit zweideutigen Formulierungen, Vorsicht und Vorbehalten –, aber keine Initiative zur Mobilisierung, was zahlreiche Gewerkschaften oder Departementsverbände jedoch nicht davon abgehalten hat, zu handeln.
Als dürfe man die Exekutive, die in ihrer schändlichen Unterstützung der Regierung Netanjahu feststeckt, auf keinen Fall behindern.
Dies steht im Widerspruch zum gesamten Selbstverständnis des Gewerkschaftsbundes, der es verstanden hat, in wichtigen Momenten der Geschichte Stellung zu beziehen und zu Demonstrationen gegen den Krieg aufzurufen, insbesondere während des Algerienkriegs, aber auch während des Vietnamkriegs oder, in jüngerer Zeit, während des Irakkriegs. Davon sind wir heute weit entfernt!
Der Kongress des Gewerkschaftsbundes wurde also vor diesem Hintergrund eröffnet: Zahlreiche Delegierte aus allen Berufsgruppen und mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen ergriffen das Wort, um zu berichten, was sie vor Ort im Kampf gegen den Krieg, gegen die Kriegshaushalte und gegen die Regierung, die den Krieg vorantreibt, unternommen haben; viele von ihnen stellten einen Zusammenhang zwischen ihren Forderungen und der Einführung einer Kriegswirtschaft her.
Sehr oft bedauerten sie auch, dass der Gewerkschaftsverband sich weigert, irgendetwas im Bereich der Mobilisierung gegen den Krieg zu unternehmen.
Sie betonten außerdem eine Parole, die die tatsächliche Stimmung treffend zusammenfasst: „Geld für das Krankenhaus! Nicht für die Rafale [ein französischer Kampfjet – Anm. d. Ü.]!“ Der Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes ging auf diese Forderung ein und erklärte in seiner Antwort: „Wir brauchen beides!“, was im Saal übrigens Buhrufe und Pfiffe auslöste. Ich für meinen Teil bin der Ansicht, nein, man braucht nicht beides.
Ich bin der Ansicht, dass die Kriegswirtschaft im Widerspruch zur Erfüllung der Forderungen steht. Das ist die Tradition der unabhängigen Arbeiterbewegung.
Und doch bin ich kein Pazifist: Ich bin der Ansicht, dass man den Unabhängigkeitskrieg des algerischen Volkes und den des vietnamesischen Volkes unterstützen musste, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Es ist mittlerweile eine Tatsache, dass die Milliarden, die für Verteidigung und Rüstung ausgegeben werden, offen – und ich würde sogar sagen: zwangsläufig – aus den Sozialhaushalten, aus den Mitteln für Krankenhäuser, Schulen, soziale Sicherheit, Löhne und Pensionen abgezogen werden.
Gehen wir noch einen Schritt weiter: Selbst wenn diese Regierung, die im Auftrag des Finanzkapitals handelt, die Rüstungsindustrie finanzieren könnte, ohne auch nur einen Cent aus den Sozialhaushalten anzutasten – was absolut unmöglich ist –, wäre ich dennoch dagegen, denn ich bin der Ansicht, dass kein Gewerkschafter akzeptieren und sich damit zufrieden geben kann, dass Arbeiter dazu benutzt werden, Todesmaschinen herzustellen, die dazu bestimmt sind, andere Arbeiter zu töten, um die Rüstungsindustriellen und die kapitalistische Wirtschaft zu bereichern. Das ist der Platz der Gewerkschaft, das ist die Rolle der Gewerkschaft, und davon abzuweichen hieße, die Gewerkschaft zu töten.
Der Kollege aus der Metallbranche von Ancenis, der großen Beifall erhielt, brachte diese Position in seiner Rede auf dem Kongress zum Ausdruck: „Wir werden niemals akzeptieren, dass unsere Fabriken, die von Toyota, Manitou oder die Gießerei Bouhyer, in Waffenfabriken umgewandelt werden.“ (…) Als ich dieser Rede zuhörte und an die italienischen Hafenarbeiter dachte, die gemeinsam mit ihren Gewerkschaften in den Streik getreten sind, um Waffenlieferungen nach Israel zu stoppen, sagte ich mir, dass es völlig legitim wäre, wenn alle Gewerkschaften eine Kampagne starten würden, um den Arbeitern, die Waffen, Rüstungsgüter und Munition herstellen, dabei zu helfen, in den Streik zu treten, um die Produktion dieser Todesmaschinen einzustellen. Und dass sie fordern, dass ihr gesamtes Know-how, ihre Kompetenzen und ihre Arbeitskraft in Industrien umgeleitet werden, die dem Wohl der Menschen dienen. Zum Beispiel: (…) Wasserlöschflugzeuge, an denen es uns schmerzlich mangelt und die angesichts der Klimaerwärmung zu einer absoluten Dringlichkeit werden sollten. Was die Flugzeugträger angeht: Warum nicht für die Handelsmarine, deren Bedarf uns bekannt ist, auch im Hinblick auf die Ökologie?
Nein, die Einstellung der Rüstungsproduktion ist nicht gleichbedeutend mit Entlassungen!
Eine lebhafte und leidenschaftliche Diskussion, wie zu erwarten war. Was hat sie gebracht?
(…) Auch hier kam es zu einem Zusammenprall mit Versuchen der scheidenden Führung, die sich perfekt in der Wiederholung von Argumenten wie „Von Gaza wollen wir nichts hören“, „Der Krieg ist nicht das Problem“, „Eine allgemeine Verurteilung des Krieges reicht völlig aus“… oder auch diesen unglaublichen Argumenten zeigten: „Die Rüstungsindustrie ist für die Beschäftigung da“, „Den Kriegshaushalt abzulehnen bedeutet garantiert Entlassungen“ usw.
Jeder, der in der Arbeiterbewegung aktiv ist, kennt diese Art von leider traditionellen Argumenten. Es sind jene, auf die sich die Bosse stürzen, die Kriegsprofiteure, die ein Interesse daran haben, dass sich Millionen gegenseitig umbringen. (…)
So haben Aktivisten und Verantwortliche, die sich bei weitem nicht in allen Positionen einig sind, mit teilweise sehr widersprüchlichen Ansichten, die jedoch seit langem ein ehrliches und tiefes Anliegen für den Erhalt des Gewerkschaftsbundes FO mit all seinen Komponenten teilen, in völliger Unabhängigkeit beschlossen, folgenden Änderungsantrag einzubringen: „Der Kongress lehnt die endlose Erhöhung der Militärausgaben zum Nachteil des öffentlichen Dienstes ab, die mit der Erfüllung der Forderungen unvereinbar ist. Er fordert einen Waffenstillstand überall auf der Welt, insbesondere in der Ukraine, im Iran und im Libanon, sowie die Beendigung der Massaker in Palästina. Der Kongress ruft seine Gewerkschaften dazu auf, die notwendigen Initiativen zu ergreifen, um Krieg zu verhindern.“
Da eine Eskalation vermieden wurde, wurde dieser Änderungsantrag fast einstimmig angenommen.
Wie beurteilst du dieses Gesamtbild?
Wie ihr aus meinen früheren Ausführungen zum Krieg und zu den Kriegshaushalten sicher verstanden habt, bringt der Ausdruck „endloser Anstieg der Militärausgaben“ nicht meine ganze tiefe Überzeugung zum Ausdruck. Ich gehöre zu denen, die diesen Änderungsantrag eingebracht haben. Ich habe dafür gestimmt, bereue es keineswegs, und da ich persönlich eine Ethik der Mandatserfüllung habe, werde ich ihn verteidigen und vor allem umsetzen. In seiner Gesamtheit, mit dem, was mir zusagt, und dem, was mir weniger zusagt. Als Gewerkschafter und aufgrund meiner politischen Prägung habe ich diesen Satz von Karl Marx immer sehr geschätzt: „Jede Etappe der realen Bewegung ist wichtiger als ein Dutzend Programme.“ Sie verstehen, dass eine einstimmige Abstimmung, die die Massaker in Gaza anprangert, dem gesamten Gewerkschaftsbund CGT-FO zur Ehre gereicht. Das bedeutet, dass sich der Gewerkschaftsverband CGT-FO bis heute, und jedenfalls in seinen Kongressdokumenten, nicht in das Lager derjenigen einreiht, für die die Verurteilung von Netanjahu Antisemitismus bedeutet. (…)
Ein letztes Wort. Ich habe gesagt, dass ich dem einstimmigen Beschluss des Kongresses treu bleibe. Das sind keine leeren Worte. Der Kongress hat fast einstimmig die „Ablehnung der endlosen Erhöhung der Militärhaushalte“ beschlossen. Nun, jetzt ist es so weit! Vor drei Tagen gab es den Vorschlag für eine erneute Aufstockung des Militärhaushalts um 36 Milliarden. Getreu dem Auftrag werde ich dem nächsten Exekutivkomitee eine klare und eindeutige Erklärung gegen diese erneute Erhöhung sowie den Vorschlag für entsprechende gemeinsame Maßnahmen vorlegen.«
Veröffentlicht in Soziale Politik & Demokratie Nr. 550 vom 4. Juni 2026