VW: 100.000 Arbeitsplätze sollen weltweit wegfallen. Was ist mit der Forderung der IG Metall: „Kein Arbeitsplatz – kein Standort darf verloren gehen“?

VW ist ein Autobauer mit Geschichte. Volkswagen wurde im Jahr 1937 gegründet, um ein bezahlbares Auto für die breite Bevölkerung zu bauen – den sogenannten „KdF-Wagen“. Finanziert wurde das VW-Werk mit den durch die Faschisten beschlagnahmten Gewerkschaftsgeldern. Doch die Wiege des Konzerns liegt in der Kriegswirtschaft. Noch bevor die zivile Produktion richtig in Gang kam, wurde mit Kriegsbeginn 1939 die Produktion auf Rüstungsgüter umgestellt. Es wurden von VW keine zivilen Autos, sondern Militärfahrzeuge gebaut, aber auch schon Raketen, wie die V 1. Bis zu 20.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge schufteten unter brutalen Bedingungen im Werk. Sie machten zeitweise einen großen Teil der Belegschaft aus; viele überlebten die unmenschlichen Bedingungen nicht.

Nach 1945 verstaatlicht, es gehörte dem Land Niedersachsen, wurde es erst 1960 privatisiert; und bis heute hält das Land Niedersachen eine Sperrminorität von 20 %.

Heute, 88 Jahre später, sollen allein in Deutschland nicht nur 10.000de Arbeitsplätze liquidiert werden, um die Rendite zu sichern, sondern auch ein „Wieder“-Einstieg in die Rüstungsproduktion ist geplant. Der Kriegsstaat nimmt Formen an.

Das ist eine historische Herausforderung für die deutsche Arbeiterbewegung. Die IG Metall, wie auch ihr Betriebsrat, haben, unter dem Druck drohender Massenentlassungen und Werksschließungen, den Plänen der Konzernleitung zugestimmt.

Das Diktat der VW-Konzernleitung kommt nicht überraschend

Bereits 2024 hatten die Gewerkschaften mit dem Vorstand einen Abbau von rund 50.000 Stellen bis 2030 vereinbart; davon 35.000 Stellen in Deutschland. Im Namen eines „sozialverträglichen Abbaus“ war die IG Metall-Führung bereit, den Arbeitern Lohn und Gehaltsverzicht zuzumuten, d.h. unter dem Versprechen, dass damit alle anderen Arbeitsplätze gesichert wären.

Aus „Wie erhalten wir die Arbeitsplätze?“ wird allerdings „Wie bauen wir die Arbeitsplätze möglichst sozialverträglich ab?“ D.h. für Tausende ist es der Weg in die Arbeitslosigkeit.

Keine zwei Jahre später, am 3. September 2026 hat der Aufsichtsrat einen weiteren „Zukunftsplan 2030“ einstimmig beschlossen. Danach werden weitere 50.000 Stellen abgebaut, insgesamt also 100.000 Stellen, davon die Hälfte in Deutschland. Der Lohnverzicht hat keine Arbeitsplätze gerettet (!).

Ende 2025 hatte der Volkswagen-Konzern in Deutschland 284.032 Beschäftigte direkt.

Damit gehört VW zu den größten industriellen Arbeitgebern des Landes. Wenn jetzt 20 % der Arbeitsplätze allein in Deutschland wegfallen, dann muss man von einem Angriff auf das Herz der industriellen Produktion sprechen. Wenn man die Zulieferer berücksichtigt, sind noch einmal 100.000 bis 200.000 Arbeitsplätze betroffen.

Mit diesem Einschnitt will Volkswagen seine Produktionskapazitäten massiv reduzieren, die operative Umsatzrendite bis 2030 auf neun Prozent steigern. Es geht also um den Gewinn.

Verschärft wurde die Lage für die deutsche Industrie, so auch für VW, durch die hohen Energiekosten in Folge der Kriegspolitik und der Sanktionen gegen Russland. Sie belasten jede industrielle Produktion in Deutschland.

Tausende Beschäftigte sollen dem Unternehmerziel „9% Umsatzrendite“ weichen

Laut IG Metall gibt es bisher bei VW keine bereits festgelegte Liste darüber, welche Arbeitsplätze, Standorte und Beschäftigtengruppen tatsächlich betroffen sein werden.

Der Aufsichtsrat hat auch noch nicht die konkrete Schließung von Werken beschlossen. Die Zukunft der Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm ist noch offen. Aber Volkswagen hat schon erklärt, dass es in diesen Standorten keine wettbewerbsfähige Produktion von neuen Volkswagen-Fahrzeugen gibt.

Die ganze Situation ruft danach, dass die IG-Metall antworten muss: kein Arbeitsplatz darf verloren gehen, wir wollen eine Zukunft für alle, die Regionen brauchen eine Zukunft.

Der Kampf um den Erhalt der Standorte mit allen Arbeitsplätzen muss ins Zentrum des Kampfes gestellt werden. Auch deshalb, weil die Schließung für diese Regionen verheerend ist. Ein großer Teil der Bevölkerung arbeitet und lebt von den Werken und den entsprechenden Lieferanten. Das Schicksal von Tausenden Beschäftigten, von Städten und Gemeinden sollen dem Unternehmerziel „Neun Prozent Umsatzrendite“ weichen.

Doch für die Investoren und Aktionären sind die Renditeerwartungen des Konzerns wichtiger als die langfristige Sicherung industrieller Arbeitsplätze für das Leben von Zehntausenden.

Für 2027 bis 2031 sind 135 Milliarden Euro für Sachanlagen sowie Forschung und Entwicklung vorgesehen. Man fragt sich: Warum werden diese Investitionen nicht zum Ausgangspunkt für den Aufbau von Industrieproduktion gemacht? Wer entscheidet, wofür die Investitionsmittel verwendet werden? Welche Zukunft haben die Investoren vor Augen?

Rüstungsproduktion als einzige Zukunft

Die Gewerkschaft muss um den Erhalt der industriellen Produktion selbst kämpfen; denn ohne sie gibt es keine Zukunft für die Arbeiter und ihre Familien, das Land – und selbst für die organisierte Arbeiterbewegung. Mit jedem Arbeitsplatz verschwinden gewerkschaftliche Strukturen.

Nicht zuletzt muss die Frage aufgeworfen werden, was können diese Werke künftig gesellschaftlich sinnvoll produzieren? Das kann neue Mobilität sein, Busse, Nutzfahrzeuge, Komponenten für den öffentlichen Verkehr, Energietechnik, Speicher, Robotik oder andere Zukunftstechnologien.

Von Seiten der Regierung, aber auch der Investoren, geht die Diskussion in eine ganz andere Richtung. Wie zum Beweis wurde wenige Tage nach dem Beschluss zu VW in der sogenannten „Friedensstadt“ Osnabrück ein Übergang in die Rüstungsproduktion vollzogen. Hier ist das Ende der Autoproduktion schon beschlossene Sache. Schon lange wurde gemunkelt, dass vielleicht Panzer usw. dort produziert werden sollen. Am 7.9. wurde jetzt von VW ein Vertrag zum Verkauf des Werkes abgeschlossen.

Der israelische Finanzinvestor Aurelius mit Hauptsitz in Tel Aviv, Israel, soll gemeinsam mit dem Land Niedersachsen die Mehrheit des Werks übernehmen. Erster großer Projektpartner wird der israelische Rüstungskonzern Rafael sein. Er ist bekannt als Hersteller des Luftabwehrsystems Iron Dome. Vor Ort sollen künftig Komponenten für Luftverteidigungssysteme für Deutschland und Europa gefertigt werden. Wer erinnert sich nicht an die Produktion der V1 bei VW während der letzten Kriegswirtschaft.

Und werden alle Arbeitsplätze erhalten? Nein, es bleiben laut IG Metall nur 75% der Arbeitsplätze: statt 1800 zunächst 1400, am Schluss sollen es 1200 sein.

Die IG Metall und der Betriebsrat, wie die SPD/GRÜNE-Landesregierung feiern diesen Abschluss als „großen Erfolg.“ Dieses Modell gilt intern bei VW als potenzielles Vorbild dafür, wie man auch für andere bedrohte Standorte mit auslaufender Fahrzeugproduktion alternative, industrielle Nachnutzungen finden kann.

Es ist der Weg in die Kriegswirtschaft, die den Takt angibt. Und man muss die Frage aufwerfen, ob nicht die 135 Mrd. Euro für Sachanlagen sowie Forschung und Entwicklung vorrangig Investitionen für die Kriegswirtschaft sind.

Das hat nur dann eine, wenn auch „fatale“ Zukunft, wenn die Regierung weiter in der Kriegsvorbereitung geht. Das verlangt den Kriegsstaat, einen Staat, der die Profite der Rüstungsindustrie garantiert, der sich durch die Zerstörung aller sozialstaatlichen Errungenschaften und durch Gewerkschaftsfeindlichkeit auszeichnet. Einer solchen Politik darf sich eine Gewerkschaft nicht ausliefern. Es geht um ihre eigene Existenz.

Der Kampf für den Erhalt aller Arbeitsplätze muss auch ein Kampf sein gegen den Weg der Bundesregierung in Richtung Kriegswirtschaft.

Gotthard Krupp

Veröffentlicht in Soziale Politik & Demokratie Nr. 554 vom 14. September 2026